Die Baubranche ist unterdigitalisiert?

Die Baubranche ist unterdigitalisiert?
Die Baubranche ist unterdigitalisiert?

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Stefan Neumann, CEO von 123erfasst.

Wir sollten aufhören zu meckern – und positive Beispiele zeigen, denn davon gibt es eine ganze Menge. Ein Interview mit Stefan Neumann

Hinkt die Baubranche hinterher, was die Digitalisierung angeht? Müsste sie mehr tun? Oder ist die Branche schon gut aufgestellt? Wie sieht es mit der „Bauwirtschaft 4.0“ in den Betrieben wirklich aus? Stefan Neumann, Geschäftsführer von 123erfasst, mit seiner Einschätzung im Interview.

Wie sieht es mit der Digitalisierung in der Baubranche aus?

Stefan Neumann: Je nachdem, mit wem man spricht, sieht die Lage unterschiedlich aus. Insgesamt ist die Branche vergleichsweise wenig digitalisiert. Ich sehe für die Zukunft der Baubranche sicher noch Nachholbedarf. Doch viele Unternehmen haben sich bereits erfolgreich digitalisiert. Firmen nutzen die Digitalisierung beispielsweise, um den Verwaltungsaufwand bei ihrem Aufgabenmanagement zu reduzieren und ihre Mitarbeiter zu entlasten.

Bye-bye Zettelwirtschaft bei Rahlmann Hoch- und Tiefbau

Als das Unternehmen wächst, wird auch der administrative Aufwand größer. Unternehmenschef Fabian Rahlmann sucht für seine Rahlmann Hoch- und Tiefbau GmbH aus dem niedersächsischen Hoya eine Software für Verwaltungsaufgaben. Er sagt „Bye-bye Zettelwirtschaft“ und führt erfolgreich ein digitales Baustellenmanagement ein.

Ich möchte mich auf mein Kerngeschäft konzentrieren und nicht meine Zeit mit Verwaltungsaufgaben verbringen.

Fabian Rahlmann, Rahlmann Hoch- und Tiefbau GmbH

Wovon ist die Bereitschaft zur Digitalisierung abhängig?

Stefan Neumann: Die Baubranche ist groß und die Anforderungen sind unterschiedlich. Davon abgesehen: Große Unternehmen haben meist Personal oder ganze Abteilungen, die sich um Zukunftsthemen und Strategien kümmern – gerade das Thema Building Information Modelling (BIM) ist ein großes Thema für Unternehmen und ihre Business Developer, Innovations- oder BIM-Manager haben die Zeit, sich damit zu beschäftigen. Doch solche Teams aufzubauen, braucht Zeit und ist zunächst ein Kostenfaktor.

Die Unternehmensgröße bestimmt, wie die Digitalisierung umgesetzt wird.

In kleineren Unternehmen ist es nicht so einfach, jemanden für diese Themen abzustellen. Da ist es wichtig, optimal passende Lösungen zu finden und für die Umsetzung einen erfahrenen Partner an der Seite zu haben.

Die Baubranche ist unterdigitalisiert?

Was muss passieren, damit Bauunternehmen Digitalisierungsmaßnahmen in Angriff nehmen?

Stefan Neumann: Der Generationswechsel ist ein typischer Zeitpunkt, den auch kleinere mittelständischen Unternehmen zum Anlass nehmen, einen Digitalisierungsschub zu machen. Die ältere Generation möchte sich damit meist gar nicht mehr beschäftigen. Sie führen das Unternehmen so, wie es schon immer war. „Digitalisierung der Baubranche? Das geht auch ohne!“, ist da oft die Aussage. Kommt jedoch ein Nachfolger ins Unternehmen, hat er oder sie meist einen anderen Fokus auf die Unternehmensführung. Wir erleben dann eine große Bereitschaft, das Unternehmen aufzufrischen, zu verjüngen und moderner zu gestalten. Dann geht es immer auch um Digitalisierung. Nachfolger möchten vor allem effizienter werden. Außerdem ist ihnen klar, dass Digitalisierung ihre Attraktivität als Arbeitgeber erhöht.

Transparenz und Zeitersparnis bei der Disposition von Maschinen, Material und Mitarbeitern bei Münsinger Erdbau

Für seine vielen Sonderlösungen suchte das Familienunternehmen Münsinger Erdbau GmbH aus dem bayerischen Blossenau ein leistungsfähiges und flexibles Zeiterfassungsprogramm. Alle Mitarbeiter wurden dabei mit einem Smartphone ausgestattet, das sie nun für ihre tägliche Arbeit einsetzen können.

Indem wir die Digitalisierung vorantreiben, positionieren wir uns in der Region als attraktiver Arbeitgeber und zuverlässiger Geschäftspartner. Die 123erfasst-Software ist für uns ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur digitalen Baustelle.

Johannes Münsinger, Münsinger Erdbau GmbH

Wo haben Bauunternehmen den größten Digitalisierungsbedarf?

Stefan Neumann:  Für Bauunternehmen gibt es bei der Digitalisierung zwei große Bereiche: Einerseits sind dies neue Techniken und Weiterentwicklungen bei der Hardware, beispielsweise bei Baugeräten. Andererseits ist es die Software, etwa für Dokumentationen oder Prozesse. Dies ist der Bereich, in dem wir Bauunternehmen bei der Optimierung unterstützen. Wir bei 123erfasst digitalisieren Abläufe etwa mit einer Zeiterfassung durch digitale Stundenzettel, verbessern die Prozessqualität und steigern die Effizienz. Alle Faktoren für erfolgreiches, kostenbewusstes Baumanagement wie die Planung, Disposition, Dokumentation und auch die Kommunikation lassen sich erfolgreich digitalisieren.

Der Bereich IoT (Internet of Things) verbindet die beiden eben genannten Bereiche: Wir binden so internetfähige Geräte in die Softwarelandschaft ein. Das ermöglicht dann Dinge wie etwa ein digitales Gerätemanagement.

Wo sollten Unternehmen mit der Digitalisierung beginnen?

Stefan Neumann: Die Einsatzmöglichkeiten von Software und das Innovationspotenzial sind breit gefächert. Deshalb sollten Unternehmen strategisch überlegen: In welche Richtung will ich mich entwickeln? Was will ich verbessern? Kaufe ich mir das neueste Bagger-Modell? Oder investiere ich in Software? Oft investiert man in der Baubranche weniger in Software, sondern in zusätzliche Hardware oder mehr Personal auf der Baustelle. Dabei könnte man durch passende Software schnell seine Effizienz steigern, zum Beispiel mit einer App für Bauleiter oder einem digitalen Bautagebuch. Es ist sinnvoll zu investieren, während es dem Unternehmen gut geht, und Ausgaben für Digitalisierung sind eine Investition in die Zukunft. Nach einem Hoch kommen bekanntlich auch wieder Täler. Wer da gut aufgestellt ist, kann gelassener in die Zukunft blicken. Um den Prozess zu starten, eignen sich die für viele Betriebe ruhigeren Wintermonate.

Es kommt nicht darauf an, der Schnellste zu sein. Es reicht erst einmal, nicht der Langsamste zu sein.

Zeit sparen mit professionellem Mängelmanagement bei Norbert Kees

Der Bauunternehmer Norbert Kees aus dem oberbayerischen Fuchstal wollte die Erfassung, Dokumentation und Verfolgung von Mängeln effizienter machen. Er setzte auf eine App für das Mängelmanagement, die Zeit und Nerven spart.

Normalerweise macht man einen Termin auf der Baustelle, um den Mangel zu besprechen. Durch die Verortung der Fotos auf dem Plan weiß der Nachunternehmer genau, wo er nachbessern muss – und wir brauchen keinen Extratermin.

Norbert Kees, Amberg Bau GmbH & Co. KG

Wie beginnen Bauunternehmen am besten mit ihrer Digitalisierung?

Stefan Neumann: Baubetriebe können natürlich besonders gut bauen, aber sich um Digitalisierung zu kümmern und Softwareprojekte umzusetzen müssen sie sich erst beibringen. Sie müssen sich weiterentwickeln, sowohl als Unternehmen als auch jeder Mitarbeiter persönlich.

Es ist sinnvoll, sich einen Partner zu suchen, der bei der Umsetzung hilft. Softwareunternehmen unterstützen hier mit Beratern, bieten Support und schulen die Mitarbeiter.

Ich glaube, die größte Aufgabe für Unternehmer ist es, ihre Leute mitzunehmen. Sie müssen den Mehrwert der Digitalisierung vermitteln. Mitarbeiter wollen wissen: Was habe ich denn davon? Was hat das Unternehmen davon? Warum machen wir das überhaupt? Viele Unternehmen schrecken vor der zusätzlichen Arbeitsbelastung zurück. Deswegen sage ich immer: Man muss es nicht alleine machen.

Ist die Baubranche also unterdigitalisiert? Zum Teil – aber es gibt viele kleine Stellschrauben, die sie angehen kann, um nach und nach besser zu werden.

Die Baubranche ist unterdigitalisiert?

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Stefan Neumann
CEO von 123erfasst.

Bildnachweise: Tinpixels/E+ via Getty Images; Alistair Berg/Stone via Getty Images.